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Über die Aufnahme des Denkmales von Lihula in der deutschsprachigen Presse

Veronika Bohl

Der Streit um das Denkmal von Lihula - sowohl um dessen Errichtung als auch um seinen Abriss - löste eine tiefgreifende Geschichts- und Identitätsdebatte in Estland aus. Im folgenden Aufsatz soll ein Aspekt dieses Streites näher betrachtet und analysiert werden, nämlich die Aufnahme des Monumentes in der deutschsprachigen Presse.

Zu diesem Zwecke soll der Begriff Ideologie und sein Bezug zur Semiotik umrissen werden, hierbei wird vor allem auf literatur- und politikwissenschaftliche Literatur zurückgegriffen.

Wie das Denkmal vom Lihula in der deutschen Presse aufgenommen und verarbeitet wird, soll anhand einiger im deutschsprachigen Raum erschienenen Artikel überregionaler Tageszeitungen gezeigt werden. Dabei steht die Frage im Vordergrund, in welchem Kontext das Mahnmal auftaucht und welche Funktionen ihm zugeschrieben werden. In diesem Zusammenhang soll beleuchtet werden, inwiefern die Interpretation dieses Gedenksteines von einer ideologisch beeinflussten Sichtweise abhängt und welche verschiedenen Interpretationen sich aus ein und demselben Denkmal ableiten lassen; dabei wird auch ein kurzer Vergleich mit der estnischen Presse angestellt.

1. Ideologie

Der Begriff "Ideologie" wurde erstmals vom französischen Philosophen Destutt de Tracy (1754-1836) verwendet, der sich mit der Lehre der Ideen den französischen Rationalisten (Descartes) entgegenstellte. Unter Napoleon erhielt der Begriff eine pejorative Konnotation, da sich Napoleons Politik von den - demokratischen - Grundsätzen des Kreises um de Tracy absetzte. Wieder entdeckt wurde der Begriff von Marx und Engels, die damit die bürgerliche Staats- und Rechtsform als notwendig falsches Bewusstsein von Herrschenden und Beherrschten einstuften. Damit hatte Ideologie auch eine negative Bedeutung, denn sie ermöglicht durch die Etablierung eines Systems voller falscher Ideen die Unterteilung der Gesellschaft in Klassen, in Herrschende und Beherrschte. Dabei dient Ideologie den Herrschern als Werkzeug, um ihre Vormachtstellung zu behalten.

Weiter gibt es neben dem wertenden Ansatz einen wertneutralen, in dem Ideologie als "kulturelles System" beschrieben wird, in dem die Wertvorstellungen, der Glaube, Normen und Gebräuche einer Gruppe einzuordnen sind (vgl. Geertz 1973). Eine Bewertung dieser Systeme in gut oder böse bleibt aus.

Mikhail Bakhtin benutzt eine sehr breit angelegte Definition von Ideologie, die mit der von Kultur gleichzusetzen ist und a priori keine politische Färbung beinhaltet. Ideologie ist sozusagen die Ausgangsbasis für jegliche Semiose. Voloshinov (oder Bakhtin, dem dieses Werk zugeschrieben wird) sieht einen engen Zusammenhang zwischen Ideologie und dem Zeichen im Hinblick auf die Interpretation des Zeichens, also die Semiose.

Everything ideological possesses meaning. It represents, depicts, or stands for something lying outside itself. In other words, it is a sign. Without signs, there is no ideology. (Voloshinov 1973 [1930]: 9)

Ideologie ist somit etwas von Grund auf zeichenhaftes, das über eine denotative Bedeutung hinausgeht. Doch sind auch Zeichen ihrerseits wiederum nicht von Ideologie zu trennen und wirken sich auf die Interpretation des Zeichens aus.

A sign does not simply exist as a part of reality - it reflects and refracts another reality. Therefore, it may distort that reality or be true to it, or may perceive it from a special point of view, and so forth. Every sign is subject to the criteria of ideological evaluation (i.e. whether it is true, false, correct, fair, good, etc.) The domain of ideology coincides with the domain of signs. They equate with one another. Wherever a sign is present, ideology is present, too. Everything ideological possesses semiotic value. (Voloshinov 1973 [1930]: 10)

Ein Zeichen ist etwas, was für etwas anderes steht und es repräsentiert; eine der Peirce'schen ähnliche Definition finden wir auch bei Voloshinov: Um ein Zeichen zu verstehen, wird es zwangsläufig bewertet, ihm werden also gewisse Eigenschaften zugeordnet und es erhält einen bestimmten Platz im Wertesystem.

Semiose und Ideologie hängen damit untrennbar zusammen, ohne Ideologie ist das Lesen von Zeichen nicht denkbar. Das bedeutet also, dass kein Zeichen ausschließlich auf dem "Null-Level" (vgl. Nöth 2004: 16) verstanden werden kann. Roland Barthes hält es in seiner Zeichentheorie zunächst für möglich, dass Denotat und Konnotat getrennt betrachtet werden können, dass also eine ideologiefreie Leseart möglich ist. Dabei bleibt die Ideologie soweit wie möglich verborgen, um sich gegen Kritik abzusichern; sie ist deswegen auch schwer aus einem semiotischen Diskurs herauszufiltern.

Das Decodieren von Bildern, das Barthes in seinem Essay genauer beschreibt, ist an kulturelles Wissen geknüpft, sonst können sie, handelt es sich um performative Texte - wie z.B. Werbung, oder auch ein Denkmal - nicht verstanden werden und würden nur eine rein informative Ebene besitzen (vgl. Barthes 1977: 35). Reine Informationsvermittlung ist aber nur ein Teil der Aufgabe eines Bildes oder Kunstwerkes. Im Konnotat, also in der assoziativen Bedeutung liegt die Rolle der Ideologie, ausgedrückt in bildlicher Rhetorik, die Barthes an einen sozio-historischen Hintergrund geknüpft sieht.

This common domain of the signified of connotation is that of ideology, which cannot but be single for a given society and history, no matter what signifiers of connotation it may use. (Barthes 1977: 49)

Zwar sind Denotat und Konnotat eines Bildes verschiedene Ebenen, ihre Trennung und gesonderte Analyse fällt aber sehr schwer. Letztendlich gibt Barthes die Idee eines völlig ideologiefreien bildlichen Textes zugunsten der Annahme einer engen und schwer zu trennenden Verquickung von Denotat und Konnotat auf. Verschiedene Gruppen verknüpfen unterschiedliche Konnotate mit einem Bild, je nach eigener Ideologie und je nach kollektiver Erinnerung. Zwar mag der denotative Gehalt derselbe sein, doch kann die aus dem Bild decodierte konnotative Bedeutung eine völlig andere sein. Für Eco (1970) ist Ideologie eine Ebene der Übercodierung, bei der neben einer primären Bedeutung noch eine zweite Nachricht hinzugefügt wird (U. Eco 1970, zitiert aus Nöth 2004: 17).

Wie bildet sich Ideologie aus einem sozio-historischen Ansatz heraus und wo liegen ihre Grenzen zum individuellen Urteilsvermögen? Van Dijk erklärt die Entstehung von Ideologie aus der Sammlung von Erfahrungen und Überzeugungen ("beliefs") (siehe von Dijk 1998). Zunächst einmal muss, um eine Überzeugung zu erlangen, eine bestimmte Informationsgrundlage vorhanden sein. Aus diesem Datenschatz kann aus Erfahrungen oder übermittelten Informationen dann ein Rahmen geschaffen werden, der eine überzeugte Haltung gegenüber einem bestimmten Sachverhalt zulässt. Die Menge der gesammelten Überzeugungen bildet den Wissenskorpus des Menschen.

Diese Überzeugungen sind zunächst einmal im einzelnen verankert, jedoch ähneln sie sich unter den Mitgliedern einer Gruppe, deren Überzeugungsschemata untereinander vernetzt sind und die durch diese Vernetzung immer weitere Überzeugungen entstehen lassen. Über diese Vernetzung entsteht auf der sozialen und weiter auf der kulturellen Ebene "Wissen über die Welt", das innerhalb einer Gemeinschaft als universell geteilt wird (van Dijk 1998: 29).

Als kollektive Erinnerung spielt historisches Wissen über die Vergangenheit eine große Rolle. Auf individueller Ebene sind dies persönliche Erinnerungen, etwa an Kriegserlebnisse, auf kollektiver Ebene tradierte Traditionen und Mythen und bestimmte Ereignisse, welche die gesamte Gruppe betrafen. Zwischen individuellem Bewusstsein und kollektiver Identität lässt sich die Grenze zwischen Überzeugung und Ideologie ziehen: Ideologie geht noch über das Konzept der Überzeugung hinaus. Sind Überzeugungen primär im Einzelnen geortet, so haben Ideologien eine starke soziale Ausprägung und werden von einer Gemeinschaft gebildet, getragen und überliefert (vgl. van Dijk 1998: 26). Sie sind damit weit mehr sozial als individuell, wohingegen Überzeugung eine völlig individuelle Einstellung sein kann.

Was innerhalb einer Gruppe als gemeinsame Eigenschaften angesehen wird, ist das Produkt einer gemeinsamen kulturellen Geschichte und geteilter kollektiver Erinnerungen, wenn diese auch schwer zu fassen und genauer zu definieren sind, da ihre Grenzen unscharf bleiben (vgl. van Dijk 1998: 37). Erinnerungen und Geschichtsbilder stellen den Korpus eines gemeinsamen Wissens dar, von dem sich kollektive Meinungen, Einstellungen, Überzeugungen und auch Ideologien ableiten.

Das Hervorbringen sowie das Auslegen von Zeichen ist von sozialer Interaktion abhängig, in denen das individuelle Bewusstsein Zeichen nur im Sinne seiner Ideologie erzeugen oder auslegen kann. [1] Semiose ist an Kommunikation und Interaktion gebunden, die über den Aktionskreis des Einzelnen hinausgehen. Es gibt keine ideologiefreien Zeichen, da sie immer in einem Feld der ideologischen Kreativität geschaffen werden.[2] Das kann beispielsweise eine bestimmte Gesellschaft, ein politisches System, soziale Schicht oder historische Epoche sein, die bei der Schaffung eines Zeichens von einer Ideologie ausgeht und diese in einem (bildlichen) Zeichen manifestiert. Innerhalb ein und derselben Gruppe ist somit die Leseart des Zeichens homogen, schließlich ist die Ideologie ähnlich, wenn nicht gleich. Außerhalb dieser Gruppe ist aber, je nach historischen, gesellschaftlichen oder soziokulturellen Hintergründen, eine andere Interpretation des gleichen Zeichenbestandes, eine unterschiedliche Konnotierung oder im Extremfall gar ein völliges Versagen der Decodierung wahrscheinlich. Die eigene Gruppe definiert sich hier mit dem gemeinsamen Interpretationsmuster, begründet durch den Besitz einer Ideologie; als Fremd gelten diejenigen, denen aufgrund einer anderen Ideologie die identische Lesart nicht möglich ist.

Ideologie soll in der folgenden Analyse als kollektives System an historischen, sozialen und politischen Erfahrungen und Traditionen gelten, das zum Denotat eines Zeichens ein Konnotat hinzufügt.

2. Das Denkmal als Zeichen

Auf zwei Arten stehen das Denkmal als Zeichen (oder Zeichenkonglomerat) und Ideologie in Verbindung. Zum einen wird von der Position seines Schaffers (oder Senders) Ideologie in das Denkmal als Zeichen transportiert. Von dieser Annahme ist immer dann auszugehen, wenn ein Gegenstand nicht nur einen reinen Gebrauchs- oder Informationswert besitzen soll (vgl. Rossi-Landi 1976: 68ff.). Wie der Name schon verrät, soll ein Denkmal Erinnerung, Mahnung oder Stolz übermitteln, also stark an Ideologie gebundene Werte. Ihr Eingang in die Auswahl, Zusammensetzung und Darstellung eines Denkmals machen die dahinterstehende Ideologie in Ausschnitten sichtbar.

Zum anderen kommt seitens des Betrachters (oder Empfängers) Ideologie als Dechiffriersystem einer komplexen Nachricht zum Zuge, mit der er die Zeichen aus Stein lesen und verstehen muss. Die ideologische 'Lesebrille' des Empfängers ist die Komponente, auf die wir näher eingehen wollen.

Denkmäler sind sehr stark konnotativ geprägt, hingegen tritt ihr Denotat in den Hintergrund. Es geht nicht um die Darstellung eines realen Ereignisses/einer bestimmten Person, sondern um die damit verbundenen Erinnerungen positiver oder negativer Art, Gründungsmythen oder Verdienste um die entsprechende Gruppe, um nur einige Beispiele zu nennen

Im August 2004 wurde im west-estnischen Ort Lihula ein Denkmal eingeweiht, das einen Soldaten in deutscher Uniform mit Tapferkeitsauszeichnungen und einem Gewehr zeigt. Darunter war auf einer Tafel zu lesen: "Den estnischen Männern, die 1940-1945 gegen den Bolschewismus und im Namen der Wiederherstellung der estnischen Unabhängigkeit kämpften."

Wenige Tage nach seiner Einweihung wurde dieses Denkmal auf Initiative der estnischen Regierung und gegen den Willen der Einwohner Lihulas entfernt, wobei die Polizei zum ersten Mal in der Geschichte des wieder unabhängigen Landes gewaltsam gegen die eigene Bevölkerung vorgehen musste. Der Streit um das Denkmal von Lihula zog weitreichende Konsequenzen nach sich, und es ist nicht ausgeschlossen, dass der Skandal, der sich sowohl um seine Aufstellung als auch um seinen Abriss entwickelte, zum Scheitern der estnischen Regierung im März 2005 beigetragen hat.

Der auf dem Stein abgebildete Soldat ist als Angehöriger der Waffen-SS zu erkennen. Zwar sind keine SS-Runen mehr angebracht - sie wären eigentlich im leeren Wappen auf dem Helm zu finden, aber das Abzeichen, die Helmform, das Gewehr und die Uniform lassen zumindest beim geschulten Betrachter keinen Zweifel bezüglich der Herkunft des Soldaten aufkommen. Am Kragen findet sich ein Abzeichen des estnischen Freiheitskreuzes, so wie es die estnischen SS-Legionäre trugen. Ursprünglich stand das Denkmal zwei Jahre vor seiner Errichtung in Pärnu, wo es aber vor der Einweihung und Enthüllung bereits wieder abtransportiert wurde.

3. Pressestimmen als ideologisch beeinflusste Leseart

Bislang haben wir festgestellt, dass die Semiose ideologischen Bedingungen unterliegt, die im Bezug auf den Empfänger eine bestimmte Leseart favorisieren oder erschweren. Dabei handelt es sich nur beschränkt um eine individuelle Auslegung, vielmehr ist sie an ein kollektives Bewusstsein, den geschichtlichen Hintergrund und an nationales Selbstverständnis gebunden.

Um diese Leseart unter ideologischem Einfluss genauer zu erfassen, wurde für diese Arbeit die Tagespresse im deutschsprachigen Raum als Ausgangspunkt der Überlegungen ausgewählt, denn darin zeigt sich am ehesten ein landes- beziehungsweise kulturspezifischer Diskurs bezüglich der Thematik. Auch wenn jeder Artikel von einem bestimmten Autor verfasst ist, und es folglich nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich dessen individuelle Meinung oder Neigung nicht in seiner Veröffentlichung niederschlägt, so ist es doch an ein allgemeines Publikum gerichteter Text. Das bedeutet, das der Verfasser von einem allgemein verbreiteten Wissensstand ausgehen wird.

Bei der Auswahl der Artikel wurden besonders diejenigen berücksichtigt, die das Denkmal von Lihula als Element eines größeren Diskurses betrachten, das heißt, dass nicht die alleinige Berichterstattung über den Aufbau, bzw. den Abriss von Interesse ist, sondern vielmehr der Stellenwert des Denkmals innerhalb eines weitergefassten Zusammenhangs analysiert wurde. So wird das Denkmal selbst zum Bestandteil eines Diskurses und nimmt eine bestimmte, ideologisch interpretierte Rolle ein.

4. Zur Auseinandersetzung in der deutschen Presse

Die Berichterstattung über Estland generell fällt in der deutschsprachigen Tagespresse eher marginal aus; [3] dennoch fand in kurzen Meldungen über Aufbau bzw. Abriss des Denkmales von Lihula eine aktuelle Berichterstattung statt. [4] Eine umfassende Analyse bieten fünf einschlägige Artikel, die im Zeitraum September 2004 bis März 2005 stammen und auf das Denkmal im Rahmen längerer Berichte über Estland eingehen.

Alle diese Artikel befassen sich mit einer genaueren Analyse und Beschreibung der Problematik von Lihula. Ein Artikel wurde bereits vor dem Abriss des Ehrenmales verfasst und beschränkt sich folglich auf den Effekt, den das vorhergehende Denkmal in Pärnu ausübte. [5]

Klar ist abzulesen, dass der Soldat von Lihula in seiner deutschen Uniform als Symbol des Nationalsozialismus und dessen (positiven) Gedenkens interpretiert wird, denn in jedem Artikel kommt der Begriff Nazi sehr häufig in verschiedenen Kombinationen vor. [6] Es ist hier anzumerken, dass Nazi nicht, wie etwa im angelsächsischen Bereich, als wissenschaftlicher und damit wertneutraler Ausdruck verwendet werden kann, sondern eine klare Distanzierung oder Polemisierung darstellt. Durch die häufige Verwendung des Begriffes im Zusammenhang mit Lihula wird deutlich, in welche politische Schublade das Denkmal fällt, und dass die Autoren sich vom Denkmal distanzieren. Im Gedenkstein wird durch die "Nazi-Uniform" ein Zusammenhang mit "Nazi-Verbrechen" hergestellt, zusammen mit dem Text, der darunter stehend die in deutschen Uniformen kämpfenden Soldaten ehrt, erscheinen diese Untaten verharmlost, wenn nicht sogar verleugnet. [7]

In der Presseauswahl findet sich generell die Interpretation des Denkmales als Symbol der nationalsozialistischen Verbrechen. In vier der fünf der vorliegenden Artikel wird darauf explizit oder implizit Bezug genommen. [8]

Das Denkmal wird in zwei Artikeln mit den Begriffen antisemitisch [9], bzw. Antisemitismus [10] assoziiert. Damit wird ein weiterer Zusammenhang mit Verbrechen des Nationalsozialismus in Estland hergestellt, indem das Denkmal als Sinnbild für Judenfeindlichkeit und im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus wiederum als Hinweis auf den Holocaust gesehen wird. Einen Befürworter eines Mahnmales dieser Art stellt die SZ in direkten Zusammenhang mit Antisemitismus, indem sie ausführlich über das Treffen des Journalisten mit dem Initiator des Denkmals von Pärnu, der die Ablehnung des ehernen Soldaten klar als "kommunistisch" und - pejorativ gebraucht - "jüdisch" bezeichnet. [11] Zudem findet sich in diesem Zeitungsbericht auch ein Zusammenhang von Lihula (bzw. Pärnu) und historischem "Revisionismus" wieder, der Nationalsozialismus und Kommunismus in ihren Verbrechen für vergleichbar halten. [12] Revisionismus gilt im deutschsprachigen Raum als Anzeichen für rechtsradikales und neonazistisches Gedankengut.

In der SZ weist Volker Breidecker darauf hin, dass das Denkmal sehr schnell auf der Internetseite einer rechtsradikalen Neonazigruppe 'Würdigung' mit stark antisemitischem Tonfall fand. [13] Diese Tatsache, genauso wie der Hinweis darauf seitens des Autors, lässt darauf schließen, dass der Gedenkstein von Lihula eine Deutung als Ehrung des Nationalsozialismus erlaubt, zumal er von den entsprechenden Gruppierungen aufgenommen und in eindeutig neonazistischem Rahmen auftaucht.

Das Thema Nationalsozialismus ist im deutschsprachigen Raum historisch höchst negativ aufgeladen. Außer in einer gesellschaftlichen Minderheit ist die Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkrieges und dessen Schrecken als nationaler "Schamstolz" und traumatisches Erlebnis geblieben. [14] Ein Soldat in (angedeuteter) Wehrmachtsuniform aus dieser Zeit wird mit diesem historischen Hintergrund zunächst einmal an die unermesslichen Schrecken dieser Epoche erinnern, Scham auslösen und abstoßen, bevor er andere Schlüsse zulässt.

Auf der anderen Seite wird in den Zeitungsberichten auch die mögliche andere Seite eines solchen Gedenksteines thematisiert, nämlich diejenige eines Gegenarguments zur Sichtweise des sowjetischen Besatzungsbeginnes als Befreiung. Vielmehr wird in sämtlichen Zeitungsberichten die Sowjetzeit als grausam und ebenso "totalitär" wie das Dritte Reich beschrieben. [15] Dennoch wird nicht von einer Vergleichbarkeit beider Regime ausgegangen, der Holocaust in seiner Einzigartigkeit wird in keiner Zeitung in Frage gestellt.

Wie auch in der estnischen Presse wird die Entscheidung, ob und in welcher Form sich der estnische Präsident an den von Russland initiierten Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkrieges am neunten Mai 2005 beteiligt, aufgegriffen, wobei es dabei um die aktuelleren Artikel handelt. [16] Dieses Datum ist als Ende des Zweiten Weltkrieges gleichzeitig der Beginn einer neuen langen Besatzung Estlands durch die Sowjetunion. Im Rahmen der Geschichtsproblematik versinnbildlicht Lihula die dem russischen Siegsmythos entgegengesetzte Position der andauernden Besatzung. [17]

Im deutschen Diskurs steht das Denkmal meist für die Schmähung der Opfer des Nationalsozialismus (FAZ, 13.02.2005), der widersprüchlichen Rolle der Besatzungsmächte im Baltikum (NZZ, 29.03.2005), zwiespältige Rolle der Regierung während der ersten Republik und der Besetzungszeit (NZZ 14.01.2004), als Versuch der Umdeutung der Kollaboration (SZ 06.09.2004) und als Schweigen über antisemitische Geschichte (SZ, 27.08.2004).

In der internationalen Presse hat das Denkmal von Lihula ein sehr negatives Echo gefunden, so auch in der deutschen. Die angeführten Beispiele machen deutlich, dass dieses Ehrenmal zunächst als Nazigedenken interpretiert wird, zu welchem erst im Rahmen des erläuternden Zeitungstextes weitere Bedeutungen hinzukommen können. Dass der abgebildete Soldat keinerlei eindeutige Abzeichen, wie z.B. ein Hakenkreuzemblem trägt, ist für diese Auffassung zweitrangig, es genügt schon der Gewehrlauf gen Osten, der Helm und die einschlägige Uniform.

Der in Estland im Vordergrund stehende Diskurs der estnischen Freiheitskämpfer, die in verschiedenen Uniformen für das eine Ziel, nämlich für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes kämpften, fand in der deutschsprachigen Presse nur wenig Beachtung; er wird stets sehr distanziert betrachtet, so erstehen z.B. ehemalige Täter als "vermeintliche Freiheitskämpfer" wieder auf. [18] Die Konzepte Freiheit und SS-Uniform können aus deutscher Perspektive anscheinend nicht miteinander verbunden werden.

Auch wenn der auf dem Stein abgebildete Legionär keine eindeutigen Nazisymbole besitzt, wird er in der Presse doch als ein solches Sinnbild aufgefasst. Aus estnischer Sichtweise mag das übertrieben sein und wird so nur von einem Teil der Bevölkerung gesehen. Es ist auch nicht falsch, wenn behauptet wird, das Denkmal von Lihula sei nicht nazistisch, schließlich wird es an verschiedenen Orten unter anderen Aspekten gelesen und in einen anderen Zusammenhang gestellt. Interessant ist, dass in Estland offenbar zwei verschiedene Interpretationsarten möglich sind, während es in Deutschland nur eine gibt.

Peeter Torop beschreibt in einem Zeitungsinterview das Grundproblem der Interpretation durch das Ausland recht treffend: "[...] es ist im Ausland schwer zu erklären, dass es sich um einen in der Deutschen Armee dienenden estnischen Soldaten handelt", und nicht etwa explizit um einen SS-Soldaten. [19] Genau in diesem Punkt liegt die auseinandergehende ideologische Schere, denn die Ideologie, mit der das Denkmal von ausländischer und damit auch von deutscher Seite decodiert werden kann, ist mit den Begriffen Verbrechen , Krieg und Antisemitismus verbunden. Die Ideologie, mit der ein Este dieses Bild lesen kann, ist so zweischneidig wie die Geschichte seines Landes. Einerseits lässt sie durchaus die gleichen Assoziationen wie die meist vom Ausland erbrachten zu, andererseits kann das Standbild aber auch in Zusammenhang mit Bedeutungen wie Freiheit , antisowjetisch und Widerstand gegen die Okkupation gebracht werden.

5. Schluss

Aus der Analyse des Denkmales von Lihula wird die Ambivalenz sichtbar, mit der dieses Zeichen interpretiert werden kann. Ideologie, also die auf dem kollektiven geschichtlich-kulturellen Wissen beruhende Lesebrille, übersetzt zwar die Zeichen in ein womöglich unterschiedliches System und ordnet ihnen verschiedene Stellungen darin ein, das entzieht sie aber nicht jeglicher Erklärbarkeit. Gegenseitiges Verständnis ist nur möglich, wenn die Semiose eines Zeichens nachvollzogen werden kann, dazu muss auch der ideologische Blickwinkel untersucht und in seiner Beschränktheit dargestellt werden.

Befremdung entsteht im Fall von Lihula durch die Interpretation des Zeichens "Soldatendenkmal" von deutscher/schweizerischer oder generell nicht-estnischer Seite aus, die das Denkmal in erster Linie als stellvertretend für nationalsozialistische Verbrechen betrachtet. Zwar wird diese Perspektive durch die in den Artikeln dargestellte Kontextbildung relativiert, indem die estnische Geschichte als komplex und widerspruchsvoll geschildert wird. Dennoch ist abzulesen, dass innerhalb der Berichterstattung zunächst einmal eine andere Leseart des bildlichen Textes hergeleitet werden muss, die zunächst wegen der vorherrschenden Ideologie nicht möglich ist. Im ersten Teil wurde festgestellt, dass Ideologie auf Wissen und Überzeugungen basiert, das heißt, dass sie prinzipiell veränderbar und relativierbar ist. Erklärungen können zu einem abgewandelten Interpretationsmuster beitragen, da sie in den vorhandenen Code des (hypothetischen) Betrachters neue Elemente einfügen, die eine andere Decodierung erlauben. Doch ist der unmittelbare Effekt, den Lihula auf den nicht-estnischen Betrachter ausübt, durch die vorhandene Ideologie, in der besonders die Elemente der Uniform und der Bildunterschrift zum Tragen kommen, soweit festgelegt, dass die vorherrschende Leseart innerhalb eines Diskurses über die nationalsozialistische Vergangenheit stattfindet.

Märkused

[1] Voloshinov (1930) verwendet in seinen Essays die Konzepte 'Ideologie' und'Kultur' so gut wie synonym.

[2] Voloshinov räumt hier dem Wert als Zeichen eine besondere Stellung ein, da es aufgrund seiner allumfassenden Anwendbarkeit und Fähigkeit, jedwede Ideologie zu tragen, a priori ideologiefrei sein kann. Ideologisch angewendet wird es erst in der Interaktion, dort aber niemals ideologiefrei.

[3] In meine Analyse beziehe ich auch die schweizerische Tageszeitung Neue Züricher Zeitung NZZ mit ein, die sowohl in der Schweiz, als auch in Deutschland als überregionale Tageszeitung weit verbreitet ist.

[4] beispielsweise FAZ, "Denkmal für estnische SS-Soldaten eingeweiht", 23.08.04 oder NZZ "Umstrittene Soldaten-Statue / in Estland entfernt / Kontroverse um die Rolle der Wehrmacht", 04.09.2004.

[5] SZ, 27.08.2004.

[6] Insgesamt taucht der Begriff elf mal auf, besonders häufig im Artikel der FAZ (sechs Erwähnungen).

[7] FAZ, 13.02.2005

[8] besonders deutlich im Artikel der FAZ, 13.02.2005: "Daß Menschen, die unter dem Nazi-Terror litten, erschrecken könnten, wenn sie in Estland auf ein Denkmal mit Nazi-Uniform stoßen, mag man in Lihula nicht nachvollziehen."

[9] FAZ, 13.02.2005; SZ, 06.09.2004.

[10] FAZ, 13.02.2005.

[11] SZ, 27.08.2004.

[12] Revisionismus/Revisionist in SZ, 27.08.2004 und NZZ, 29.03.2005.

[13] SZ, 06.09.2004.

[14] NZZ, 29.03.2005.

[15] FAZ, 13.02.2005; NZZ, 29.03.2005; SZ, 27.08.2004.

[16] FAZ, 13.02.2005; NZZ, 21.03.2005.

[17] NZZ, 29.03.2005.

[18] SZ, 06.09.2004.

[19] Peeter Torop in einem Interview mit SL Õhtuleht, 14.09.2004. www.sloleht.ee/index.aspx?id=162567


Bibliographie

Bernhard, Jeff 2004. Inside/Outside, ideology and culture. Semiotica 48 (1/4): 47-68.

Barthes, Roland 1977. Rhetoric of the image. - R. Barthes, Image. Music. Text. London: Fontana, 32-51.

Dijk, Teun A. van 1998. Ideology. A Multidisciplinary Approach. London, Thousand Oaks, New Delhi: Sage.

Geertz, Clifford 1973. The Interpretation of Cultures. - C. Geertz, Selected Essays . New York: Basis Books.

Nöth, Winfried 2004. Semiotics of Ideology. Semiotica 148 (1/4): 11-21.

Rossi-Landi, Ferruccio 1976. Semiotik, Ästhetik und Ideologie. 13 Beiträge. München: Hanser.

Voloshinov, Valentin N. 1973 [1930]. Marxism and the Philosophy of Language. New York: Seminar Press.

Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 27.08.2004. Avantgarde für Europa? Der estnische Denkmalkrieg: Wie aus SS-Legionären Freiheitskämpfer werden.

Süddeutsche Zeitung (SZ) vom 06.09.2004. Alte Kameraden. Estnische Regierung lässt umstrittenes Denkmal für Legionäre der Waffen-SS entfernen.

Neue Züricher Zeitung (NZZ) vom 14.01.2005. Estlands unbewältigte Zwischenkriegszeit. Verdrängte Aspekte im Schatten des finnischen Vorbildes.

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 13.02.2005. Nur die eigenen Toten zählen. Estland streitet über die deutsche Besatzungszeit. Und haßt weiter die Russen.

Neue Züricher Zeitung (NZZ) vom 29.03.2005. Die Opfer im Wettbewerb. Europas divergierende Erinnerungen an den Weltkrieg.