STUDIA HUMANIORA TARTUENSIA
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An international online journal of the classics and the humanities

7.R.1 (2006): Martin STEINRÜCK
Desmond, William D. (2006) The Greek praise of poverty: origins of ancient cynicism. Notre Dame, Indiana: University of Notre Dame Press. XIV, 240 p. ISBN 0-268-02582-7 (pb). Price: £26.00.

Desmonds Suche nach dem Diskursstrang, in welchen sich Diogenes und seine Nachfolger einreihen lassen, hat zunächst die willkommene Funktion, die von Philosophie- und Literaturgeschichte eher mit abschätzigem Vokabular bedachte zynische Bewegung etwas mit illustren Namen (Hesiod, Platon, Aristoteles) zu adeln und so ihren enormen Erfolg in der Antike besser verstehen zu lassen. Im Zentrum steht die nicht nur zynische Auffassung, der wahre Reiche sei moralisch gut und daher finanziell arm. Desmond verwendet die eher stoische Vorliebe für Paradoxe als Begründung für die Rhetorik seines paradoxen Titels. Tatsächlich kennt die literarische, teilweise zynische Tradition das Lob von schwer zu Lobendem (Lob der Mücke, der Glatze, der Torheit). Aber man wird den Verdacht nicht los, dass die Wahl, statt wie in den 80-ger Jahren von Reichtums- oder Gesellschaftskritik eher wie in den 90-Jahren durchgehend von "Armutslob" zu sprechen, auch auf unserem modernen, etwas beschönigenden rhetorischen Pardigmenwechsel (kooperativ statt gehorsam, Berührungsangst statt moralische Bedenken usw.) beruht. Dementsprechend steht die Kritik bei Desmond immer unberechtigt da: sie "distrusts moneymakers" (statt criticizes S.44), sie führt eine (illegale) "guerilla" (statt legalem Krieg oder war S. 53), während die Vertreter der Wohlhabenden jeweils als Opfer dastehen. Ein hermeneutischer Zirkel kann auch fruchtbar sein, und das ist das Angenehme an Desmonds Buch. Zwar ist es in einem eher historisch-philosophisch ausgerichteten Buch nicht erstaunlich, wenn die spezifisch zynische jambische Tradition weggelassen wird, die von Demetrios auch so benannt wird. Eine Differenzierung dieser Tradition von ihrer Gegentradition (bei Platon, Kallimachos, Horaz, Lukian) hätte allenfalls geholfen, den historischen Blickwinkel der zynischen Jambographen selbst einzubeziehen und in der Systematik Desmonds feinere Linien herauszuarbeiten. Aber es mag erstaunen, dass Hesiods Blickwinkel des erbenden Sohnes auf den enterbten Bruder ausgeblendet wird, wenn die Behauptung des anders situierten Sokrates, Arbeit mache keine Schande, mit den Werken und den Tagen über einen Kamm geschert wird. Ideologien haben es an sich, dass Gegner dasselbe Vokabular, dieselben Bilder verwenden, aber sie unterscheiden sich doch in der Syntax dieser Elemente.

Krates von Theben erfährt mehrere feine Lektüren, aber Kerkidas, dessen harsche Reichtumskritik nicht zum Armutslob passt, wird nur zweimal beiläufig erwähnt. Die Bibliographie ist interessant, aber zwei Autoren, deren Intertext mir beim Lesen immer spürbar schien, könnte man hinzufügen: Descats, L'effort und Die Geschichte der Sexualität Foucaults.

Desmonds Buch ändert unsern Blickwinkel auf die Zyniker und bringt viele Texte auf interessante Weise zusammen. Dafür bin ich ihm dankbar.


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http://www.ut.ee/klassik/sht/ · ISSN 1406-6203.

 

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