STUDIA HUMANIORA TARTUENSIA
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An international online journal of the classics and the humanities

8.R.4: Kristi VIIDING
Skafte Jensen, Minna (2004) Friendship and poetry: studies in Danish Neo-Latin literature. Edited by Marianne Pade, Karen Skovgaard-Petersen, Peter Zeeberg. Copenhagen: Museum Tusculanum Press. (Renæssancestudier; 12.) 273 p. ISBN 87-7289-961-1.

Minna Skafte Jensen hat sich seit langen Zeit durch ihre vielseitigen Forschungen und durch ihre Organisationstätigkeit im Bereich der neulateinischen Literatur ausgezeichnet. Im internationalen Kreis der Neulatinisten kennt man sie einerseits als gute Organisatorin (Leitung der nordischen neulateinischen Forschungsprojektes 1986-1990, Veranstaltung des Kongresses der Internationalen Gesellschaft für neulateinische Forschungen IANLS im Jahre 1991 in Kopenhagen, seit 2006 erste Vize-Präsidentin der IANLS), anderseits als Verfasserin der Gesamtüberblicke über die neulateinische Literatur in Dänemark und Skandinavien (z.B. in: P. Brask et al., Dansk litteraturhistorie II, Copenhagen, 1984, 368-438, zusammen mit Karsten Friis-Jensen; A history of Nordic Neo-Latin literature, Odense, 1995, 19-65; C. Kallendorf ed., A companion to the classical tradition, Oxford, 2007, 252-264) und drittens dank ihrer Aufsätze über Einzelfragen und -texte der dänischen neulateinischen Literatur. Das Buch Friendship and poetry gehört zum letztgenannten Tätigkeitsbereich von Skafte Jensen und stellt 13 ihrer Textinterpretationen aus drei Jahrzehnten (1984-2001) vor, die bisher zerstreut in verschiedenen Ausgaben und Sprachen (Englisch, Deutsch, Italienisch, Dänisch) erschienen sind. Das internationale Publikum dürfte sich besonders über 8 Aufsätze freuen, die bis jetzt nur auf Dänisch zugänglich waren, für diese Ausgabe aber ins Englische übersetzt wurden. Neben den ausgewählten Aufsätzen findet man im bibliographischen Teil des Buches Hinweise auf fünf weitere Bücher, Buchbeiträge und Aufsätze von Skafte Jensen. Da sie aber nur einen Bruchteil von den entsprechenden Veröffentlichungen Skafte Jensens bilden, wäre eine vollständige Liste ihrer bisherigen Publikationen über die neulateinische Themen für den Leser wünschenswert und weiterführend gewesen.1

Entsprechend dem Buchtitel kann die Ausgabe von zwei Blickwinkeln betrachtet werden: einerseits nach dem thematischen Schwerpunkt Freundschaft, anderseits als eine Darstellung der dänischen neulateinischen Literatur. Da Freundschaft ein äußerst allgemeines Phänomen ist und die Widerspiegelung der Freundschaft durch Dichtung der Frühen Neuzeit nicht nur in der dänischen neulateinischen Literatur sondern überall in Europa als typisch gelten kann, dürfte die Wahl des Themas für die Neulatinisten und Literaturforscher verschiedener Länder und Epochen von Interesse sein.2 Von diesem Blickpunkt kann das Buch beinahe wie eine Monographie über die Freundschaft gelesen werden, in der die Aufsätze Kapitel bilden, wobei in jedem Kapitel ein Einzelaspekt der Freundschaft exemplarisch besprochen wird und Schlüsse gezogen werden. Zentral scheint mir die Folgerung des dritten Beitrages: "Everything had its proper place in the great chain of being, where each single link mirrored the whole, and where order was maintained through a subtle balance of friendship and enmity among the phenomena" (S. 35-36). Damit wird die Konzeption der Freundschaft und Feindschaft in den Kreis der anderen zentralen Ideen des Zeitalters (wie z.B. Makro- und Mikrokosmos) gehoben. Wie grundsätzlich und allumfassend das Thema Freundschaft für die Renaissancedichtung war, demonstriert Skafte Jensen auf manche Weise: mit einem gründlichen Vergleich, wie die Freundschaft sich in der Literatur der Antike und der Renaissance spiegelt (S. 201-203); mit einer Typologie der sozialen Gruppen in der Renaissance und ihrer Freundschaftsbeziehungen in der Literatur (S. 40-42) sowie mit einer sorgfältigen Unterscheidung der Freundschaft zwischen den Männern von der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau (besonders im Aufsatz Humanist friendship in sixteenth-century Denmark). Wesentlich ist in dieser Hinsicht jedoch die breite Gattungswahl der analysierten Texte: es sind nicht nur Dedikationen und Epigramme aus den Alba amicorum vertreten (wie vielleicht zu erwarten), sondern auch Hochzeits-, Geburtstags- und Abschiedsgedichte, Eklogen, Grabepitaphe, poetische Briefe usw.

Liest man das Buch entsprechend dem zweiten Teil des Werktitels vor allem zum Kennenlernen der dänischen neulateinischen Literatur, so hat man einen informativen, aber nicht allzu überladenen Wegweiser. Da eine allgemeine Charakterisierung der dänischen neulateinischen Literatur sowie der politischen und sozialen Bedingungen in Dänemark jedoch erst im fünften Aufsatz Latin Renaissance poetry in Denmark (S. 59-60), danach zerstreut auch im siebten Aufsatz The language of eternity (S. 93) und auf Italienisch im elften Beitrag Amicizia e amore nella poesia latina danese del Cinquecento (S. 185-188) geboten wird, empfiehlt sich das Buch zur Lektüre vor allem für diejenigen Leser, die einen allgemeinen Überblick über die dänische neulateinische Literatur schon haben (z.B. aus A history of Nordic Neo-Latin literature).3 Beim Kennenlernen der neulateinischen Literatur von verschiedenen kleineren Völkern bzw. Einzelregionen Europas hat man oft das Problem, dass man mit Hilfe der Literaturgeschichten von entsprechenden Ländern höchstens einen allgemeinen Überblick über die literarische Eigenart und charakteristischen Entwicklungen gewinnen kann, bei der Wahl der zur Lektüre wertvollen, für die Region typischen Einzeltexte und besonders bei deren Interpretation aber Schwierigkeiten hat. Der Band von Skafte Jensen bietet in dieser Hinsicht einen vertrauenswürdigen Begleiter zur dänischen Renaissanceliteratur. Die Ausgabe wäre vielleicht noch praktischer und für einen größeren Leserkreis verwendbar, wenn die Aufsätze nicht chronologisch aufgrund der Erstveröffentlichung, sondern anhand der Autoren(gruppen) geordnet wären. So hätte sich ein systematisches Gesamtbild von einzelnen Dichterpersönlichkeiten leichter gebildet. In der vorhandenen Einordnung lebt man sich gerade in die Welt von Hans Jørgensen Sadolin und Hans Frandsen (Aufsatz 1 und 2) ein, und schon bewegt man sich zu den Eklogen von Erasmus Laetus (Aufsatz 3), danach zurück zu Frandsen und Sadolin (Aufsätze 4-6). Dieser leicht irritierende ständige Wechsel des Blicks auf Einzelautoren setzt sich bis zum Schluss fort. Bei der Lektüre nach den Dichterpersönlichkeiten – zuerst z.B. die Aufsätze über Erasmus Laetus (3 und 5), danach über Frandsen und Sadolin (1, 2, 4, 6, 11), drittens über Tycho Brahe (10 und 11), viertens über Peder Hegelund (7 und 13) und zum Schluss über Zacharias Lund und Vincent Fabricius (8-9, 12) – wären systematische Gesamtportraits von den Dichtern entstanden und die dänische Literaturgeschichte stellte sich nicht als ein Komplex dichtungstheoretischer Fragen dar, sondern als Reihe der poetischen Leistungen aufgrund der lebendig beschriebenen Einzelpersonen und besonders der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die chronologische Anordnung der Aufsätze aufgrund der Erstveröffentlichung hat aber eine wissenschaftsgeschichtliche Funktion – der Leser kann so den Werdegang der Forscherin (und damit oft auch der dänischen neulateinischen Forschungen insgesamt), die Entwicklung ihrer thematischen Interessen und ihrer Methoden folgen. Man kann gut sehen, wie Skafte Jensen mehrmals zu denselben Dichtern und Texten zurückkehrt, um ihr Werk präziser und mit größerer Sensibilität zu interpretieren. Deutlich wird erstens die Tendenz, dass ihr Interesse sich von den Poeten aus der ersten dänischen Humanistengeneration in der Mitte des 16. Jahrhunderts (Laetus, Brahe, Sadolin, Frandsen) zu den Dichtern aus den späteren Generationen (Hegelund, Lund) bewegt hat. Zweitens sieht man dank dieser Struktur, wie sich die Probleme, vor welchen die Erforschung der neulateinischen Literatur in entsprechenden Jahrzehnten stand, verändert haben. Im Jahre 1988 kämpft Skafte Jensen noch für die allgemeine Anerkennung der Tatsache, dass es in Dänemark während der Renaissance eine hochwertige Literatur gab und zwar auf Latein (S. 59-60); in den neunziger Jahren kann sie sich immer mehr den spezifischen methodischen Fragen der neulateinischen Texte widmen (das Sammeln des gesamten Textkorpus eines Autors, die Probleme mit den handschriftlichen Texten, mehrmals revidierte Gedichttexte S. 131-137, 163; die Bedeutung der antiken Allusionen und Gattungskonventionen für jeden Einzeltext S. 172-173, die Intentionalität der Allusionen aus der antiken Literatur S. 159 usw.).

Das Buch ist in einem pädagogischen Stil geschrieben. Die Autorin beschäftigt sich nicht nur mit der Analyse der ausgewählten Gedichte, sondern thematisiert systematisch auch die Probleme, die sich einem Forscher in der neulateinischen Literatur stellen. Vor allem betont sie, wie wichtig es sei, die Bedeutung der antiken Allusionen und Gattungskonventionen für jeden Einzeltext (z.B. S. 172-173, 225 usw.) und die Intentionalität der Allusionen aus der antiken Literatur (S. 15) festzustellen. Mehrmals kommt sie auf die Frage der Fiktionalität der Renaissancedichtung (S. 40, 154, 206-207), die Beziehung von Autoren und Adressaten (S. 128-129, 205-206 usw.) sowie auf das Verhältnis der lateinischen Renaissancedichtung zur volkssprachlichen Literatur (S. 76-77 usw.) zurück. Auf dieser Weise bilden die Aufsätze eine gute methodische Einführung in die Probleme der neulateinischen Forschung und sind damit ein wertvolles Lehrmaterial, das jeder Dozent den Studenten und jüngeren Forschern zur Lektüre empfehlen kann. Zur hohen philologischen Kultur gehören auch die Übersetzungen aller lateinischen und griechischen Texte und Ausdrücke.

Zum Schluss sei auf zwei Stellen hingewiesen, an denen ich einen redaktionellen Kommentar erwartet hätte. Auf der Seite 17 sagt Skafte Jensen: "it is not possible at the present moment to say with certainty how many poems in lyric meters have been preserved, since here and there in collections of elegiac and hexametrical poems occasional attempts at using bolding forms are concealed, and only a closer examination of this comprehensive material will reveal how many poems are involved." Der Aufsatz stammt aus dem Jahre 1987. Hat die Situation sich inzwischen verändert oder gilt dies auch im Jahre 2004 (am Seitenrand steht die Bemerkung "translated", im Vorwort S. 8 behauptet man, dass alle Aufsätze von der Autorin "revised" seien)? Was bedeutet hier also der Ausdruck "at the present moment"?

Bei der Identifizierung der Hirten in den Eklogen von Erasmus Laetus blieb Skafte Jensen im Aufsatz aus dem Jahre 1988 rätselhaft: "I shall not go into detail here about how I think this riddle should be solved, but just mention that in my view the collection of poems is, among many other things, a portrait of the reopened University of Copenhagen" (S. 63). Hat sie (oder sonst jemand) zwischen den Jahren 1988-2004 anderswo über diese Hypothese geschrieben? Wenn nicht, worin liegt dann der Grund ihrer Hypothese? Eine kurze Erklärung wäre hier leserfreundlicher gewesen.


1 Vgl. eine solche Liste von Veröffentlichungen z.B. im dritten Band von Walther Ludwig, Miscella Neolatina. Ausgewählte Aufsätze, Hildesheim, Zürich, New York, 2005, 543-577.
2 Daher kann ich mit der Kritik von Dana F. Sutton, dass "its most positive contribution is that it indicates the interest of its subject ... that there are Danish Neo-Latin poets worth reading and deserving and systematic study", nicht einverstanden sein (vgl. BMCR 2005.02.14, http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2005/2005-02-14.html).
3 Auf die anderen Probleme, die für den Leser entstehen, der die dänische neulateinische Literatur nicht kennt, hat Dana F. Sutton in ihrer Rezension aufmerksam gemacht (s. Anm. 2).

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http://www.ut.ee/klassik/sht/ · ISSN 1406-6203.

 

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