STUDIA HUMANIORA TARTUENSIA
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An international online journal of the classics and the humanities

9.R.1: Kristi VIIDING
Urbański, Piotr (ed.) (2006) Pietas humanistica: Neo-Latin religious poetry in Poland in European context. Frankfurt am Main etc: Lang. 310 p. ISBN 3-631-55010-3.

Wie intensiv die polnischen neulateinischen Studien sich in den letzten Jahren dem internationalen Publikum vorgestellt und geöffnet haben, kann man gut anhand der sprunghaft gewachsenen Teilnahme der polnischen Neulatinisten an den internationalen Kongressen der Gesellschaft für die neulateinischen Studien (International Association of Neo-Latin Studies, IANLS) sehen. Während in den Akten der IANLS aus der Mitte der 1990er Jahre (z.B. 1994 in Bari und 1997 Avila) je zwei Aufsätze der polnischen Forscher zu finden sind, wurden am letzten Kongress in Budapest im Jahre 2006 von den Polen neun Vorträge gehalten. Das Buch Pietas humanistica: Neo-Latin religious poetry in Poland in European context setzt diese Entwicklung fort. Es enthält 19 (für diesen Band) ins Englische übersetzte Vorträge der polnischen Neulatinisten, die an einer Tagung in Szczecin im Oktober 2005 gehalten wurden. Diese Tendenz, sich dem internationalen Interessentenkreis zu öffnen, ist aber nicht nur einseitig, sondern hat die Neulatinisten aus Wien, Löwen, Cambridge und Durham zur Tagung nach Szczecin zur Behandlung polnischer neulateinischer Texte geführt. Eine solche Entwicklung scheint kaum zufällig zu sein, sondern ein bewusst gestaltetes Programm des Herausgebers Piotr Urbański, wie er im Vorwort darlegt. Seiner Meinung nach hat die neulateinische Literatur der verschiedenen Völker Europas eher einen universalen und internationalen als einen lokalen und nationalen Charakter (S. 16). Im Kontext der neueren Diskussionen über die zwei möglichen Perspektive der neulateinischen Forschungen nehmen dieses Buch und sein Herausgeber also deutlich eine internationale Position ein.1 Der Reichtum der für den nichtpolnischen Leser neuen Informationen2 zeigt, dass es nur zu begrüßen ist.

Die Aufsätze sind chronologisch nach den Lebensdaten der Dichter bzw. nach der Verfassungszeit der Werke geordnet und behandeln (vom einleitenden kurzen Überblick über die mittelalterliche religiöse Poesie Polens abgesehen) die Autoren vom 15. bis zum 18. Jahrhundert. Die Mehrzahl der Aufsätze betrifft die Dichter aus Polen im frühneuzeitlichen Sinn; die fünf letzten Beiträge gelten aber der Poesie, die außerhalb von Polen, in Österreich, dem früheren Schlesien oder Pommern geschrieben wurde. Da die Betrachtungsweise (Analyse eines einzigen Textes, Vergleich mit den anderen Vertretern der religiösen Dichtung derselben, früheren oder späteren Generation; die Synthese eines Gedichtes im Kontext des Gesamtwerkes eines Autors, Betrachtung im Kontext der Übersetzungen usw.), die behandelten Textsorten (Hymnen, Gebete, Epitaphen, Inschriften, visuelle Poesie, Dramen, Parodien usw.) und die Problemstellung (z.B. ob das eine oder andere Werk etwas Innovatives zum Thema oder zur Gattung mit sich gebracht hat) stark variieren, ist das Gesamtbild vielfältig und interessant. Den wichtigsten Vertretern der polnischen neulateinischen Dichtung (Joannes Dantiscus, Mattheus Casimir Sarbievius, Albert Ines) sind mehrere Aufsätze gewidmet.

Für die Gesamtkonzeption des Buches sind jedoch vier Beiträge am wichtigsten. Es sind die Aufsätze, in denen man von der Analyse der Einzeltexte, -phänomene und -autoren zu den wesentlichen Verallgemeinerungen über das Stichwort des Buches, pietas humanistica, im polnischen Kontext gelangt. Zentral sind in dieser Hinsicht die Bemerkungen von A. Moss (besonders S. 73 und 75) sowie J. Budzyński (S. 273-274). Von P. Urbański wird die Erasmische docta pietas humanistica von der lutherischen pietas humanistica (S. 309-310) unterschieden. Wie der Pietismus gegen Ende des 17. Jh. aus dem Phänomen der pietas humanistica herauswächst, wird im Aufsatz von J. Lichański (S. 260) diskutiert.

Das Hauptproblem des Buches liegt in der hastigen, unsystematischen und teilweise sogar fehlenden editionstechnischen Gesamtkonzeption. Beginnt man mit dem Anfang, mit den Bemerkungen über die einen Beitrag leistenden Autoren an, so sind bei den polnischen Autoren fast ohne Ausnahme nur die Abhandlungen in polnischer Sprache aufgelistet. Dabei ist keiner von den erwähnten Buch- bzw. Aufsatztiteln ins Englische übersetzt. Für den Leser, der wenigstens eine slawische Sprache kennt, stellt es kein Problem dar, diese Informationen zu verstehen. Fragwürdig bleibt, ob ein solcher Leser nun dieses Buch auf Englisch überhaupt braucht. Wenn jedoch die Publikationslisten in dieser Form präsentiert werden müssen, wären für die Leser in anderen europäischen Ländern die Übersetzungen der Buchtitel in den Klammern sehr wünschenswert gewesen. Mir scheint jedoch, dass es weiterführend gewesen wäre, wenigstens ein paar Aufsätze jedes polnischen Forschers zu nennen, die auf Englisch, Französisch oder Deutsch zugänglich sind. So könnte man ihre Ideen und Textinterpretationen auch nach dem Lesen dieses Buches vertieft kennen lernen.

Im Vergleich zu den in den Aufsätzen präsentierten polnischen neulateinischen Dichtern fällt auf, dass die Aufsatzautoren uns sich selbst teilweise gründlicher vorgestellt haben als die untersuchten Dichterpersonen der früheren Jahrhunderte. Die allgemeinen Angaben zum Lebenslauf (Lebensdaten, Bildung, Bildungsreisen, Arbeitsstellen, wichtigeren Publikationen) der untersuchten Dichter sind nur im Aufsatz von A. Borysowska in ausreichendem Maß zu finden. Sonst sind sie lückenhaft und unsystematisch wiedergegeben. Für kurios halte ich in dieser Hinsicht den Aufsatz von A. Kapuścińska. Hier wird als einzige Information über den Lebenslauf des behandelnden Stanislaus Hosius bemerkt, dass er seine Paraphrase des Bibelpsalmes nach dem Vorbild von Erasmus schrieb, da er Mitglied des Erasmischen Humanistenkreises in Krakow war (S. 52). Erst viel später im Aufsatz von E. J. Głębicka (S. 108, Anm. 10) erfahren wir ganz nebenbei, dass es sich im Fall von Hosius um einen einflussreichen Bischof, Kardinal und Teilnehmer am Tridentinischen Konvent handelte, der im 16. Jahrhundert ein langes Leben genossen hatte. Vergleichbar zerstreut liegt die Information über Albert Ines, wobei die gründlichsten und mit den Lebensdaten versehenen Angaben erst im letzten Aufsatz über ihn (von A. Borysowska) zu finden sind. In der Analyse der religiösen Dichtung von A. Trzecieski erwähnt A. Chrobot erst auf der letzten Seite (102), dass der Dichter ein Protestant war; eine für das Verständnis der religiösen Dichtung wesentliche Angabe, die eigentlich im ersten Absatz des Aufsatzes stehen musste.3 Meiner Meinung nach haben viele Autoren sich damit einfach keine Mühe gegeben, ihren mündlichen Vortrag, der vor allem vor einem polnischen Publikum präsentiert wurde, zu einem schriftlichen Aufsatz für den internationalen Leserkreis umzuarbeiten.

Das größte Problem ist die Unfähigkeit vieler Beitragender korrektes Latein (ab)zuschreiben. Die erste Gruppe der Lateinfehler ist mit der fehlenden Kenntnis der Ligaturen und Abkürzungen verbunden. Statt normalen Ablösung -que am Wortende sieht man Ungeheuer wie miramqu S. 40; usq S. 190 Anm. 6; quoq; und Pexaq; S. 246. Eine mutmassliche Abkürzung ist falsch ausgelöst S. 252 monasterr Ossiacensis pro monasterii Ossiacensis. Wiederholt werden lateinische Wörter zusammengeschrieben (S. 68 hostisfuerat pro hostis fuerat; S. 136 proutparticipatur pro prout participatur; S. 306 Anm. 5 zweimal Dominiac pro Domini ac); massenhaft sieht man falsche, fehlende, verwechselte Buchstaben, die alle kaum als Druckfehler zu interpretieren sind (S. 29 summit pontifices pro sumit pontifices, vgl. die englische Übersetzung ’takes priests..’; S. 32 Anm. 3 asservantu pro asservantur; S. 37 Conquestrus pro Conquesturus; S. 51 Novus Testamentum pro Novum Testamentum; S. 57 De dupli copia pro De duplici copia; S. 58 exhortationes ad philosophia pro exhortationes ad philosophiam; S. 60 preparatoria pro praeparatoria; S. 61 Pallas ales pro Palladis ales, vgl. die englische Übersetzung ’Pallas' bird’; S. 65 child, who ... ragit in a cradle pro vagit...; S. 97 ospera pro aspera; huins aevi pro huius aevi; S. 100 Polnoniae pro Poloniae; S. 104 Anm. 7 Comentarium pro Commentarium; S. 149 praestientia pro praescientia; S. 151 ocior laeenis pro ocior leaenis; S. 152 homojoteleuton, homojoptoton pro homoioteleuton, homoioptoton; S. 193 navigaturus e littor pro navigaturus e littore; S. 196 bisido pro bifido; S. 197 iculta pro culta/occulta; S. 219 Paenu pro Paena oder Paenis; S. 242 nepe pro nempe; 243 Accipe qua iaculo pro Accipe quo iaculo; 245 displicicuisse pro displicuisse; ibid. laeta ed pro laeta et; 246 capillu pro capillo; 247 Colegium Nazarenum pro Collegium Nazarenum; 256 Hoc fanavit Ozzius pro Hoc sanavit Ozzius – die Übersetzung ins Englische ist dabei korrekt!; S. 274 pietas edrudita pro pietas erudita; S. 283 Annex 2a) Invoacatio pro Invocatio; Mel[anthonius] pro Mel[anchthonius]; S. 285 Sodalilitas Mariana SJ pro Sodalitas Mariana SJ; S. 262 Anm. 4 religiosissimo ac doctissimo ... professo pro professore; S. 306 tenpori pro tempori; Anm. 5 zweimal Genthliakon pro Genethliakon; Lucuferi pro Luciferi; Carmine Elegiao pro Carmine Elegico; S. 307 Chrristo pro Christo; Actus Oratoriua pro Actus Oratorius). Man hat dauernd das Gefühl, als ob man in der Frühen Neuzeit gelandet wäre und der Drucker wie nach der Erfindung der Druckkunst mit den schwer lesbaren handschriftlichen Manuskripten gearbeitet hätte.

Viele Versbeispiele sind von den Beitragenden vermutlich nie laut gelesen worden, sonst hätten sie bemerkt, dass in ihren Zitaten manchmal eine Silbe, manchmal sogar ein Versfuß fehlt. S. 66 v. 7 muss ein Elfsilbler sein, ist aber Et tum laeti vario decorant. S. 67 v. 26 klingt die zweite Hemiepes des Pentameters Roreque deciduo pectora tunas rigans nicht korrekt. Statt tunas dürfte hier vielleicht pura oder et ora stehen. S. 68 v. 5 ist nicht hexametrisch, da eine Silbe fehlt: Cumque potens hostis fuerat, mihi nummus equus; genauso v. 3 Abstulit huic geminum ophthalmia lumen. S. 101 ist als Stelle Silva 2.4.29-32 angegeben, man findet aber nur drei Verse, wobei der letzte kaum rezitierbar ist (Idque vocet sanctam Triadem nomina vana putet). S. 139 Cant. 1,1 ist das Wort sed statt an den Anfang des vierten Verses an den Anfang des dritten Verses gelangt (Vers 4 muss klingen Sed satiare meas non potuere genas). S. 148 In S. Stanislaum v. 1 muss im Wort pocula eine Synkope stattfinden, also pocla. S. 204 sowie 205 ist der Pentameter zu kurz (Regna piis cum aliis laetus eat und Et iunges reditu Christe tuo).

Viele von diesen Fehlern wären zu vermeiden gewesen, wenn von den Autoren selbst dem lateinischen Text eine Übersetzung ins Englische hinzugefügt worden wäre. Das ist in diesem Band aber nur ausnahmsweise geschehen. In der präsentierten Form scheint die Aussage von J. Z. Lichański (Latin, a language that is concise, equivocal, and allusive, poses a communicative barrier to us today, S. 258) für die Lateinkenntnisse vieler Beitragender gültig zu sein.

Schliesslich fehlen im Band die Indizes der Personen- und Ortsnamen, womit das Buch nach der ersten Lektüre kaum als Nachschlagewerk zu benutzen ist.

Zusammenfassend wäre nur zu wünschen, dass die polnischen Neulatinisten in einigen Jahren diesem Band den zweiten über die weltliche neulateinische Poesie hinzufügen, und dass diese Folge dann auch in den sprachlichen und editorischen Fragen bemerkenswert besser sei.


1 Sutton, Dana F. (2007), Review of Rhoda Schnur, Acta Conventus Neo-Latini Bonnensis: Proceedings of the 12th International Congress of Neo-Latin Studies (Bonn 2003). Medieval & Renaissance Texts & Studies, 315. – Bryn Mawr Classical Review 2007.09.16 (http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2007/2007-09-16.html).
2 Vgl. z.B. J. IJsewijn, Companion to Neo-Latin Studies. Part I. History and Diffusion of Neo-Latin Literature. Second entirely rewritten edition. (Supplementa Humanistica Lovaniensia, 5). Leuven: University Press, 1990, S. 239-253, wobei der religiösen Dichtung nur ein Absatz S. 243-244 gewidmet ist.
3 Diese Kritik betrifft natürlich nicht die großen Autoren der polnischen neulateinischen Dichtung, wie Dantiscus und Sarbiewius, dessen Lebensdaten auch in den nichtpolnischen Nachschlagewerken leicht nachzuprüfen sind.

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http://www.ut.ee/klassik/sht/ · ISSN 1406-6203.

 

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