STUDIA HUMANIORA TARTUENSIA
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An international online journal of the classics and the humanities

9.R.3: Neeme NÄRIPÄ
Johnson, Scott Fitzgerald (ed.) (2006) Greek literature in late antiquity: dynamism, didacticism, classicism. Aldershot etc: Ashgate. XII, 215 p. ISBN-10 0-7546-5683-7, ISBN-13 978-07546-5683-8.

Was tun, wenn man ein enormes und auf den ersten Blick unübertreffliches Kulturerbe besitzt? Was gibt es da noch zu schreiben, zu sagen oder denken, wenn Homer, Sokrates, Platon, Aristoteles, die großen Tragiker und Historiographen vor uns gelebt und ihre Werke hinterlassen haben? Dabei hat man auch die Bibel, die das allerhöchste Wissen enthält. Und wenn jemand glaubt, etwas hinzuzufügen zu haben, wie sollte man es dann anstellen? Sogar im 21. Jh. AD kommen wir nicht um Homer, Platon und Aristoteles herum, obwohl wir die antike Kultur viel später wiederentdeckt, nicht direkt von unseren Vorfahren geerbt haben. Letztes ist aber genau der Fall mit dem spätantiken Schrifttum vom 4. oder 5. Jh. AD an. Zu oft spricht man noch heute von dem Untergang der Literatur und von einem Zeitalter, das nur Prolegomena, Eisagogai, Exegeseis, Kommentare, Deklamationen usw., das heißt "keine richtige" Literatur zu bieten habe.

Das Buch, um welches es im vorliegenden Bericht geht, antwortet nicht direkt auf die Fragen, die ich oben gestellt habe, gibt aber gute Hinweise und Ausgangspunkte, von denen aus man weiterzudenken kann. Auf keinen Fall schreibt man hier aber von Untergang und Pseudoliteratur.

Scott Fitzgerald Johnson, der Editor des Buches, hat 10 Aufsätze in einem Volumen gesammelt, die auf 2004 im Keble College gehaltenen Vorträgen beruhen. Das Buch hat 3 Teile: Dynamik, Didaktik und Klassik. Die ersten beiden enthalten je drei Aufsätze und der letzte vier. Der erste Teil behandelt die Themen der Verwandlung und des Synkretismus, der zweite erforscht die spätantike Gelehrsamkeit und der dritte die Rezeption der klassischen Werke. Die Autoren im alphabetischen Reihenfolge sind: Adam H. Becker (New York University), Averil Cameron (King's College London), Adrian Hollis (Keble College, Oxford), Elizabeth Jeffreys (University of Oxford), Aaron P. Johnson (University of Texas, Austin), Scott Fitzgerald Johnson (Harvard Society of Fellows), Christopher P. Jones (Harvard University), Yannis Papadoyanikis (University of Birmingham), Ruth Webb (Birkbek College London, Université de Paris X-Nanterre) und Mary Whitby (freiberuflich).

Das spätantike Schrifttum, dessen verschiedene Aspekte alle Aufsätze hier behandeln, ist in mancher Hinsicht terra incognita, die erst in den letzten Jahren größeres Interesse erregt hat. Der erste Aufsatz ist von Averil Cameron und trägt den Titel New Themes and Styles in Greek Literature, A Title Revisited. A. Cameron schreibt über die Schwierigkeiten der Bestimmung des spätantiken Schrifttums und Zeitalters. Die Literatur kann man nicht mit der hohen Literatur begrenzt werden (deshalb ziehe ich auch den Begriff "Schrifttum" dem Begriff "Literatur" vor). A. Cameron stellt die Vielfältigkeit der spätantiken literarischen Gattungen Einflüsse auf den griechischen Osten der lateinischen, syrischen, armenischen, koptischen, georgischen und arabischen Kultur heraus. Er weist auch auf die bisher unbefriedigenden Behandlungen der spätantiken Literatur und auf den "Schimpfwortstatus" der Byzantinistik hin.

Der zweite Aufsatz, The Dynamic Reception of Theodore of Mopsuestia in the Sixth Century: Greek Syriac and Latin von Adam H. Becker, behandelt des Junillus Africanus Werk Instituta regularia divinae legis und weist auf die Einflüsse des östlichen (syrischen, armenischen u.a.) Denkens hin. Becker zeigt die vermittelnde Rolle des Griechischen zwischen der lateinischen und der östlichen Literatur. Er polemisiert gegen den Gesichtspunkt, dass die Ideen des Theodoros von Mopsuestia den größten Einfluss auf Junillus Africanus gehabt hätten.

Der letzte Autor im ersten Teil ist Christopher P. Jones mit dem Aufsatz Apollonius of Tyana in Late Antiquity. C. P. Jones erforscht die Rezeption der Lebensgeschichte des Apollonios in der Vita Apollonii von Philostratos. Er behandelt verschiedene Überlieferungen und Übersetzungen und unterstreicht die Verschiedenheit der Einstellungen zu Apollonios. Einige halten Apollonios für einen heidischen Magier, andere finden beinahe christliche Gedanken in seiner Philosophie. Eusebios in Contra Hieroclem macht beides. Dabei argumentiert Jones dafür, dem Eusebios die Autorschaft von Contra Hieroclem zuzuweisen.1

Der Zweite Teil beginnt mit dem Aufsatz von Aaron P. Johnson, der den Titel Eusebius' Praeparatio Evangelica as Literary Experiment trägt. A. P. Johnson betrachtet die Praeparatio evangelica, die eine Menge Zitaten der antiken Autoren enthält, und stellt die Frage, zur welcher Gattung die Schrift gehört und welche Funktion sie haben könnte. Er ist der Meinung, dass es sich nicht um eine Apologie handelt, und vergleicht sie mit Contra Celsum von Origenes. Eusebios selbst sagt, dass er die Praeparatio in einer eigenen Weise (idios) schreiben wolle. Johnson weist auf eine Ähnlichkeit mit den Eisagogai und Prolegomena (z.B. Alkinous' Didaskalikos oder Porphyrios' Eisagoge) hin und vermutet, dass die Praeparatio eine sog. Eisagoge ins Christentum sein könnte.

Der nächste Aufsatz trägt den Titel Instruction by Question and Answer: The Case of Late Antique and Byzantine Erotapokriseis von Yannis Papadoyannakis. Y. Papadoyannakis schreibt auch über die Akkumulierung der Texte, auf die sich die Gattung der Erotapokriseis stützt. Die Erotapokriseis stammen aus der philosophischen Bildung, wurden aber in der Spätantike "demokratisiert". Mit dieser Gattung ist auch die enzyklopädische Literatur verbunden.

Der didaktische Teil endet mit dem Aufsatz von Ruth Webb, der die Überschrift Rhetorical and Theatrical Fictions in Chorikios of Gaza hat. In ihrem Aufsatz behandelt R. Webb die Deklamationen von Chorikios, die mit einleitenden dialexeis und theoriai begleitet sind. In den Deklamationen von Chorikios spielen die rhetorischen Mittel Mimesis, Ethos und Ethopoiia eine wichtige Rolle. Laut R. Webb stehen die Deklamationen an der Grenze der Fiktion und wirklichen Welt, sie entwickelt Mary Beard's Idee von Deklamationen als einer Art von Mythen weiter.2 Ein Teil des Aufsatzes behandelt auch Chorikios' Verteidigungsrede für die Mimen. Chorikios behauptet, dass die Nachahmung keinen Einfluss auf den eigenen Charakter eines Mimen hat.

Der dritte Teil des Buches beginnt mit dem Aufsatz Writers and Audiences in the Early Sixth Century von Elizabeth Jeffreys. Jeffreys schreibt auch von den Mythen, nämlich von der Rezeption der klassischen Literatur und Mythen bei Christodoros von Koptos, Kolluthos von Lykopolis und Johannes Malalas von Antiochien. Der Poet Christodoros überliefert die Klassische Literatur, "wie sie ist", Kolluthos, auch ein Poet, ist vorsichtiger und distanziert sich mehr von der klassischen Tradition, Johannes Malalas, ein Chronist, bietet die Mythen in christlicher Bearbeitung.

Adrian Hollis untersucht in seinem Aufsatz The Hellenistic Epyllion and its Descendants die Gattung des Kleinepos oder Epyllion. Der Höhepunkt des Epyllions war die Zeit von Athanasios I (419-518 AD), es geht aber auf Kallimachos zurück. A. Hollis bietet eine breite Übersicht über die Entwicklung des griechischen Epyllions dar und behandelt auch die wichtigen lateinischen Dichtungen in dieser Gattung, z.B. den pseudovirgilischen Ciris.

The St. Polyeuktos Epigram (AP 1.10): A Literary Perspective ist der Titel des Aufsatzes von Mary Whitby. Das Epigramm von St. Polyeuktos kann man in der Griechischen Anthologie (Anthologia Palatina) finden, es stammt aber von einer Inschrift auf den Steinen der St. Polyeuktos' Kirche, die im Jahre 520 AD errichtet wurde. M. Whitby bietet zuerst in ihrem Aufsatz den griechischen Text des Epigramms. Dem folgt eine ausführliche thematische und stilistische Analyse. Whitby vergleicht das Epigramm mit anderen antiken Werken und behandelt das Thema seiner Autorenschaft.

Das Buch endet mit Scott Fitzgerald Johnsons Beitrag, der den Titel Late Antique Narrative Fiction: Apocryphal Acta and the Greek Novel trägt. S. F. Johnson betrachtet eine Schrift aus dem 5. Jh. AD über das Leben und Wunder der heiliger Thekla (Vitae et miracula sancta Theclae), die teilweise auf den Acta Pauli et Theclae (2. Jh. AD) beruht. Er vergleicht die Lebensgeschichte der heiligen Thekla mit dem griechischen Roman (Chariton und Achilles Tatios) und findet mehrere Ähnlichkeiten zwischen den beiden: die Rolle des Erzählers und das Thema der religiösen und sexuellen Bildung. S. F. Johnson weist darauf hin, dass die christlichen Lebensgeschichten der Heiligen und der griechische Roman nicht so weit von einander entfernt seien, wie man oft denkt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die vorliegende Aufsatzsammlung keine ausführliche Behandlung des spätantiken Schrifttums ist, sondern einige Ausgangspunkte bietet, die äußerst nützlich für die weitere Forschung der vergessenen Spätantike sind. Das Buch widersteht den Vorurteilen, die oft die Kultur und Erforschung dieses Zeitalters begleiten.


1 Für eine andere Meinung siehe: Hägg, Tomas (2004) Parthenope: selected studies in Ancient Greek fiction (1969-2004). Edited by Lars Boje Mortensen & Tormod Eide. Copenhagen: Museum Tusculanum Press.
2 Beard, Mary (1993) 'Looking (harder) for Roman myth: Dumézil, declamation and the problem of definition.' – Graf, Fritz (Hrsg.), Mythos in der mythenloser Gesellschaft: Das Paradigma Roms. Stuttgart, Leipzig: Teubner. (Colloquium Rauricum; 3.)

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http://www.ut.ee/klassik/sht/ · ISSN 1406-6203.

 

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